Üben Üben Üben


Die meisten werden sie kennen: die goldfarbene Postkarte mit den in schwarz gedruckten Worten: Üben Üben Üben. Man entdeckt sie an Kleiderspinden in Konzerthallen, an Korkwänden in privaten Hausfluren wie auch in Unterrichtsräumen, in Instrumentenkästen und manchmal auch an Wänden einer Gäste-Toilette. Üben scheint wohl häufig mit einem „Ich muss“ einherzugehen. Für manche bedeutet diese Karte eine Mahnung, für andere eine Motivation. Es geht jedenfalls immer um den Wunsch – oder auch um die Erfüllung einer Erwartung (von anderen, wie von sich selbst) – besser zu werden. Beim Instrumentalspiel kommt dieses „Besserwerden“ in der Regel nicht von alleine, es sei denn, man ist ein Wunderkind. Aber selbst musikalische Wunderkinder wie Mozart und Mendelssohn mussten sich die technischen Grundlagen des Instrumentalspiels aneignen.

Üben, wie geht das?

 Im Zuge meiner „Recherche“ für diesen Beitrag, fragte ich einige meiner Freunde, allesamt hervorragende Berufsmusiker, was „Üben“ für sie bedeutet. Hier stichwortartig einige Antworten:

  • Das Schwere leichter werden lassen
  • Ordnung schaffen: in sich und in dem zu erarbeitenden Werk
  • Sich musikalische Abläufe bewusst machen, diese harmonisch analysieren und sich entsprechende Fingersätze und Phrasierungsbögen ausdenken
  • Erstmal reine Technik (Rhythmus, Töne) lernen, um ab dann musikalisch freier agieren zu können
  • „Arbeiten“, bis ein technisches Problem geknackt ist – danach wird es leicht und die Musik kann fließen
  • Verbessern und wiederholen, möglichst stundenlang, am besten so lange, bis das Gewissen beruhigt ist und Bewegungsabläufe möglichst sicher sitzen
  • In eine andere Welt eintauchen

Dies alles sind individuell unterschiedliche Übeansätze, die alle auf ihre Weise „richtig“ sind. Erfahrungsgemäß wandelt sich die Art des Übens bei vielen Menschen im Laufe des Lebens. Es gibt Zeiten, in denen ein konsequentes „nur so und nicht anders“ eingeübt wird, um sicherheitsgebende Automatismen und Gewohnheiten zu schaffen. Dann gibt es wiederum Zeiten, in denen z.B. mehr ein variantenreiches und variables Üben im Vordergrund steht.

Ich selbst habe im Laufe meines Lebens nahezu alle oben erwähnten Arten des Übens praktiziert und würde es mittlerweile, als langjährige Orchestermusikerin, Geigen- wie Feldenkraispädgogin, so interpretieren: Üben bedeutet, die größtmögliche Natürlichkeit im Umgang mit sich und dem Instrument zu erlangen, um zum einen bestmögliche künstlerische Ergebnisse zu erreichen und zum andern gleichzeitig das Gefühl zu bekommen, sich damit selbst etwas Gutes zu tun.

Feldenkrais und Musiker = eine Symbiose

 Neben den Ideen von Moshé Feldenkrais, denen ich es im Wesentlichen verdanke, dass ich, nach einer langen Pause aufgrund einer Berufskrankheit, wieder zurück ins Konzertleben kommen konnte, haben mich auch andere Pädagogen inspiriert wie z.B. Ivan Alexander Galamian. Er war einer der bedeutendsten Geigenpädagogen des letzten Jahrhunderts, unterrichtete an der Julliard-School in New York und schrieb in seinem Buch „Grundlagen und Methoden des Violinspiels“ u.a. folgendes:

„Der Lehrer muss sich darüber im Klaren sein, dass jeder Schüler ein Individuum ist mit eigener Persönlichkeit, mit den für ihn charakteristischen körperlichen und geistigen Besonderheiten, mit seiner ihm eigenen Art, an das Instrument und an die Musik heranzugehen. Hat der Lehrer dies einmal erkannt, so muss er dementsprechend mit dem Schüler umgehen. Natürlichkeit sollte sein oberster Leitsatz sein.

„Richtig“ ist nur, was für den einzelnen Schüler natürlich ist, denn nur das Natürliche ist bequem und nützlich. Die Bemühungen des Lehrers müssen deswegen darauf hinzielen, dass jeder Schüler sich mit dem Instrument möglichst wohl fühlt. Es ist bedrückend, wenn man an die vielen und unnatürlichen Theorien über Technik denkt, die gekommen und gegangen sind, und an die neuen, die noch immer dazukommen, die die Schüler zu einem dauernden Kampf gegen das selbstverständlich Natürliche gezwungen haben und infolgedessen gegen ein natürliches Herangehen an das Instrument. Solch einen Kampf hat bisher noch niemand gewonnen.“

Moshé Feldenkrais hätte es vermutlich genauso formuliert!! Verblüffend, oder?

Spaß oder Kampf?

Die Kunst des Übens besteht aus vielem und sicher auch darin, unterscheiden zu können, wann es sich um ein ungutes Kämpfen handelt, das keinerlei Gewinn bringt, oder um eine notwendige und kluge Auseinandersetzung mit dem zu Erlernenden, die durchaus aber auch mal anstrengend sein kann.

Heutzutage muss alles Spaß machen, auch das Üben. Aber ehrlich gesagt: Üben macht tatsächlich nicht immer Spaß. Das ist normal und ok! Manchmal muss man es einfach auch mal durchstehen, auch wenn einem nicht immer danach ist. Konsequentes Dranbleiben ist jedenfalls wichtig, um voranzukommen und die Grenzen des Könnens zu erweitern. Und wenn man dazu im Idealfall zunehmend lernt, die Art des Übens zu variieren und von „parasitären“ Mustern (wie Moshé Feldenkrais es bezeichnete) zu befreien, dann kann Üben als etwas Gewinnbringendes und tatsächlich Lustvolles erlebt werden! Und wenn sich dann auch noch zunehmend die Erfolge am Instrument einstellen, dann wird das Üben bei vielen immer häufiger zu einem Bedürfnis, sich dadurch selbst etwas Gutes zu tun.

Wie bitte geht’s zum Gipfel?

 Um zu verdeutlichen, wie ein Weg auf den Gipfel des Könnens variabel und möglichst einfach angegangen werden kann, mag meine folgende Berg-Erfahrung als Metapher dienen:

Wenn ich im Urlaub in den Alpen einen Berg erwandere und dabei mitunter bis zu 1200 Höhenmeter überwinde (in diesem Fall also freiwillig rausgehe aus meiner Komfortzone), dann versuche ich, mich zunächst darauf einzustellen, was mich erwartet und wie viele Stunden es laut Beschreibung wohl dauern wird. Als Typ „Hundertmeterläufer“ und „Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Geher“ musste ich vor Jahren erst einmal lernen, mir die Kräfte einzuteilen, da ein gemäßigtes und gleichbleibendes Tempo mich doch leichter und unangestrengter zum Gipfel bringt, als ein blindes Drauflosstürmen und möglichst baldiges Ankommenwollen. Sinnvoll kann es also sein, sich zuerst mit dem Streckenprofil vertrauter zu machen und bereits im Vorhinein zu schauen, wo es anstrengend werden könnte und wo es wiederum Möglichkeiten geben wird, Kräfte zu sparen oder erneut zu sammeln.

Während des Laufens dann stelle ich mir gerne verschiedene Aufgaben, die mir nach Möglichkeit das Gehen bergauf erleichtern: z.B. „triolisch“ zu laufen (d.h. nur jeden dritten Schritt aktiver zu setzen, die beiden anderen leicht zu nehmen), oder den nächsten Schritt zu machen und dabei die Rückwärtsbewegung des Knies als Impuls zu nehmen, oder den Schwung meiner Arme zum Vorwärtskommen zu nutzen… etc..

Und sollte das Herz irgendwann zu rasen anfangen, dann bleibe ich ein paar Augenblicke stehen, um mit dem Atem die Pulsfrequenz wieder zu beruhigen. Auch Bach-Überquerungen oder Wasserfälle nutze ich gerne dazu, mich für ein paar Atemzüge daran zu erinnern, dass mein Weitergehen durchaus fließend sein könnte.

So hangele ich mich selbstwahrnehmend und ideenreich immer weiter nach oben. Und sollte ich dennoch kurz vor dem Ziel kräftemäßig nachlassen, dann gibt es noch meinen Verstand, der mir rät, mich auf den letzten Metern besonders auf das kulinarische Highlight zu konzentrieren, das mich auf der Hütte am Gipfel sicherlich erwarten wird, begleitet von einem gigantischen Blick über die Bergwelt.

Ein Stück Arbeit also bis oben hin, Muskelkater anderntags inclusive. Aber das phänomenale Glücks-Gefühl, ideenreich Energie eingesetzt zu haben und dadurch gleichzeitig unfassbar viel Energie gewonnen zu haben, das empfinde ich als etwas besonders Wertvolles.

Üben am Instrument bedeutet meiner Erfahrung nach ähnliches:

  • ein Ziel zu haben, das man auch immer mal wieder etwas höher stecken sollte, als das, was man bislang noch mühelos erreichten konnte
  • den „Weg“ (Notentext) im Vorfeld zu studieren, auch mal ohne Instrument
  • sich mit Achtsamkeit und Ideenreichtum auf den Weg zu machen und die vielen Möglichkeiten auszuloten, die sich bieten im Umgang mit sich selbst, dem Instrument und dem Notentext
  • Pausen einzubauen, wenn Körper und Geist danach verlangen und darauf zu vertrauen, dass auch Pausen wesentlich sind für das Fortkommen am Instrument
  • Energie aufzuwenden, wo sie nötig ist (technisch wie musikalisch), sie aber auch unbedingt wieder zu reduzieren: dort, wo es möglich und sinnvoll ist. Spannung und Entspannung in der Musik können nämlich nahezu eins zu eins körperlich erlebt und umgesetzt werden

Üben verlangt darüber hinaus auch:

  • Disziplin und Konsequenz. Damit ist kein (!) Kampf gemeint, sondern tägliches (!), müheloses (!!) Dranbleiben an bestimmten Übungssequenzen und -ideen, bis eine sicherheitsgebende Gewohnheit entstanden ist
  • mitunter die Schwierigkeiten zu erhöhen, um dadurch schließlich das Normale als leichter zu empfinden
  • manchmal erst das Grundgerüst einer Passage möglichst leichtgängig zu erlernen, um aus dieser bewusst erlebten Entspanntheit heraus dann auch die fehlenden schwierig zu spielenden Töne wieder einzufügen
  • zu lernen, fließend von einer Bewegung in eine andere überzugehen, denn zu häufig stoppt man – oft unbemerkt – z.B. gleich am Beginn des Spielens, bei einer Bewegungsumkehrung des Armes, bei dem Versuch, einen Akzent zu setzen, oder am Ende eines Tones…u.v.m.
  • gelegentlich den Aufwand zu reduzieren und sich überraschen zu lassen, um wieviel freier es dadurch klingen, funktionieren und sich anfühlen kann!!

Es gibt unzählig viele Möglichkeiten, das Üben zu gestalten. Noch dazu ist jeder Mensch unterschiedlich und individuell in seiner Art und Entwicklung, in der Aufnahmefähigkeit, in der Fähigkeit des Umsetzens etc.. Üben wird meines Erachtens immer eine Mischung sein aus dem, was man als akademisches Lernen bezeichnet und aus dem, was wir in der Feldenkraismethode unter organischem Lernen verstehen und das ich in diesem Text versucht habe, etwas näher zu erläutern.

In der Ruhe liegt der Fortschritt

Oftmals werde ich ungläubig angeschaut, wenn ich im Unterricht (Feldenkrais wie Geige) manches unter bestimmten Aspekten in Zeitlupentempo spielen lasse. Sofort kommt der Einwand: „Aber das muss ich doch schnell spielen können!?“ …

Sicher ist das Üben ein anderes, wenn ich Zeit habe, das Ergebnis langsam reifen zu lassen. Steht hingegen morgen das nächste Konzert an und habe ich erst vor wenigen Tagen die Noten dafür bekommen, wie es im Musiker-Berufsleben leider häufig der Fall ist, dann erhöht sich natürlich enorm der (Zeit-) Druck (ein leider immer größer werdendes Problem im heutigen Konzertbetrieb!). In solchen Situationen mag es sicher ein „Muse-freies“ Üben sein und nicht selten auch harte Arbeit. Dennoch plädiere ich dafür, auch in solch zeitlichen Engpässen zumindest exemplarisch ein paar schwierige Stellen aus dem Notentext äußerst langsam und achtsam zu üben, mit dem Ziel, sich gut und wohlig darin einzurichten. Nicht selten nämlich wirken sich solch kleine „Oasen“ dann auch auf das gesamte zu spielende Werk positiv aus.

Sich immer wieder Zeitinseln zu schaffen, um in aller Ruhe „sich“ zu üben in der Kunst des Instrumentalspiels, dabei mögliche „parasitäre“ Bewegungsmuster zu erkennen und auszuschalten. Das wäre meines Erachtens ein großer Gewinn für jeden Musiker!

Was ist denn nun schlussendlich gutes Üben?

Um meinen sehr geschätzten Feldenkrais-Ausbilder Roger Russell zu zitieren: „It depends“ ;-)!